Nibiru Prime · Mars 2031 · Season 1 · Roman

Prolog - Ankunft

2. Dezember 2031, 10:22 Uhr

Prolog, Szene 1
Nach drei Monaten Reisezeit zwischen Erde und Mars hat die NIBIRU PRIME am 2.12.2031 um 10 Uhr 22 die errechnete Umlaufbahn im Mars-Orbit erreicht. Drei Monate, die sich manchmal wie drei Tage angefühlt hatten und manchmal wie drei Jahre. Die letzten Stunden vor dem Orbit-Einschwenken hatte kaum jemand geschlafen, nicht aus Angst, sondern aus einer Art Vorfreude, die sich anfühlte wie Kribbeln unter der Haut. Jetzt, da das Manöver abgeschlossen war und die Triebwerke zur Ruhe kamen, drehte sich der Mars unter ihnen, still und rostrot, als hätte er die ganze Zeit gewusst, dass sie kommen würden. Nibiru Prime hing bewegungslos in der berechneten Umlaufbahn, ein Zuhause, das drei Monate lang die ganze Welt der Crew gewesen war, und würde es für die nächsten Jahre bleiben, während sie unten auf der Oberfläche das eigentliche Ziel ihrer Reise aufbauten.
Szene 001
Prolog, Szene 2
Was da unten wartete, war nicht das Werk der Crew. Es war das Werk von Maschinen, die niemand von ihnen je hatte arbeiten sehen. Vor achtzehn Monaten hatte der erste Weltraum-Transporter eine Startrampe in China verlassen, beladen mit einer Fracht, die auf dem Papier unspektakulär klang: Bau-Roboter. Was auf dem Papier stand, wurde der Realität nicht gerecht. Diese Maschinen konnten selbstständig Metalle aus dem Marsboden schürfen, sie in Reinform veredeln, daraus Glas und Baustahl fertigen, und aus beidem in wenigen Monaten Kuppeln errichten, groß genug für ganze Städte. Es gab einen Grund, warum ausgerechnet chinesische Robotik so weit vorausgeeilt war, während der Rest der Welt noch über Konzeptstudien diskutierte. Wer die Entwicklung der letzten Jahre verfolgt hatte, kannte die Antwort längst.
Szene 002
Prolog, Szene 3
Die Maschinen, die vor fünfzehn Monaten auf dem Mars gelandet waren, hatten nicht nur gebaut, was im Frachtraum mitgereist war. Sie hatten weitergesucht, tiefer gegraben, neue Vorkommen unter der Oberfläche gefunden, die niemand auf der Erde hatte vorhersagen können, und daraus noch mehr gemacht, als der ursprüngliche Plan je vorgesehen hatte. Was jetzt unter dem blassen Marshimmel lag, war größer, vollständiger, lebendiger, als jede Simulation es je gezeigt hatte.
Szene 003
Prolog, Szene 4
Xiaotong Zheng hatte auf diesen Moment seit dem Start gewartet, den Kanal in ihrem Kopf schon hundertmal geprobt. Jetzt, da er endlich offen war, fielen ihr die geübten Worte nicht mehr ein. Xiaotong sagte einfach als sie ihren Großvater, den Boss der Zheng-Corporation, der die Reise zum Mars geplant und ermöglicht hat, anrief: "Opa, wir sind angekommen. Das sieht hier alles hervorragend aus".
Szene 004
Prolog, Szene 5
Auf der anderen Seite der Verbindung würde die Antwort erst in einigen Minuten ankommen. Das hatte sie noch nie gestört. Manche Nachrichten waren wichtiger als eine schnelle Antwort.
Szene 005
Prolog, Szene 6
Die kleine Landefähre für die Mannschaft landet gerade nah bei der Siedlung auf der Marsoberfläche. Leonov deaktivierte mit einem Touch auf den Bildschirm das Sicherheitssystem. Sie sind bereit zum Aussteigen.
Szene 006
Prolog, Szene 7
Die Seitenklappe entriegelte sich mit einem satten, mechanischen Klicken, und Sarah Carter war die Erste, die hindurchtrat, ihre Stiefel wirbelten roten Staub auf, sie atmete für einen Moment schneller, vor Aufregung ergiffen. „Wir haben's geschafft", sagte sie, halb zu sich selbst, halb zu den anderen, die hinter ihr aus der Luke kletterten. „Wirklich geschafft." Yuri Leonov, direkt hinter ihr, klopfte ihr auf die Schulter, sein Grinsen war unverkennbar selbst durch das Visier. „Sag das nochmal", erwiderte er, „wenn wir auch wieder zurückkommen." Es war der Satz, mit dem er jede Feier zu früh im Keim erstickte, aber diesmal lachte niemand ihn dafür aus. Der dritte der hinaustratwar nur still, stand einfach nur da und drehte sich langsam im Kreis, als müsste er sich selbst davon überzeugen, dass der Horizont tatsächlich nach allen Seiten so weit reichte.
Szene 007
Prolog, Szene 8
Mitchell, Xiaotong und Yuri Leonov kamen um den Rumpf des Landers herum, und für einen Moment standen alle sechs einfach nur da, ohne sich zu bewegen, die Gewächshauskuppeln der Siedlung glänzten im Hintergrund, ein äußerst emitionaler Moment. „Sechs von zwölf", sagte Mitchell schließlich, seine Stimme hörte sich etwas kehlig an, die Stimmung berührte. „Wir sind die ersten - die anderen kommen morgen mit dem Frachter und den Rovern" Xiaotong lächelte, ein Lächeln, das man selbst durch das Visier ihres Helms erkennen konnte. „Mein Grossvater wird das nicht glauben wollen, bis er die Bilder sieht", sagte sie, und für einen Moment dachte sie an all die Jahre, in denen Weiguo Zheng von genau diesem Tag gesprochen hatte, als wäre er längst Gewissheit, nicht bloß Hoffnung. Jemand — später würde keiner mehr sicher sagen können, wer — schlug vor, ein Bild zu machen. Sechs Gestalten in sechs verschiedenfarbigen Anzügen, dicht beieinander, die roten Weiten des Mars und die Kuppeln der Siedlung hinter ihnen, und für einen einzigen Sekundenbruchteil sah es aus, als würden sie einfach nur ganz normale Menschen sein, die zusammen für ein Foto posierten, nicht die ersten sechs eines Vorhabens, das gerade erst begann, seine wahre Größe zu offenbaren.
Szene 008